Franz Tunder in Lübeck geboren!

Gerhard Kay Birkner

Lübeckische Blätter 161 (1996), H. 16 (12. Oktober 1996), S. 248

Zur Biographie von Franz Tunder, dem seit Ende September 1641 an der Marienkirche tätigen Organisten und Komponisten, dem späteren Werkmeister (nach heutigen Vorstellungen etwa der Verwaltungsleiter) der Kirche und Schwiegervater von Dietrich Buxtehude, sind in den letzten einhundert Jahren eine Reihe von Arbeiten erschienen(1), nach denen bis 1931 angenommen wurde, daß Tunder möglicherweise aus Lübeck stammte, dann aber aufgrund von »...[nach wie vor] unveröffentlichten, sehr wichtigen Ergebnissen...«(2) Burg auf Fehmarn als möglicher Geburtsort angenommen wurde. Kirchenbücher fehlen, direkte Archivalien oder indirekte, schlüssige Beweise für diese Vermutung liegen bis heute nicht vor, dafür aber Spekulationen, bei wem der 1614 geborene Tunder auf Fehmarn Musik- und Orgelunterricht gehabt, wer ihn protegiert und wer den begabten Jugendlichen 1632 an den Hof in Gottorf empfohlen haben könnte. Derartige Vermutungen werden  falls unkritisch übernommen  von späteren Autoren in Gewißheiten umgewandelt, so daß beispielsweise 1967 zu lesen ist: »Seitdem wissen wir, daß Tunder [...] nicht in Lübeck, sondern in Bannesdorf auf Fehmarn geboren wurde ... als Sohn eines 1639 verstorbenen Hans Tunder in Bannesdorf«(3).
Wilhelm Stahl hatte 1920 in einer Arbeit über Tunder und Buxtehude in dem Buchhändler Franz Tunder [d.Ä.] den Vater des späteren Organisten Franz Tunder [d.J.] vermutet, resignierte jedoch, denn »...der direkte Beweis, daß er der Vater des Organisten ist, läßt sich nicht mehr führen [...], die Taufregister der Marienkirche gehen nur bis 1641 zurück«(4). Der Buchhändler Franz Tunder [d.Ä.] war am 15. Februar 1598 Lübecker Bürger geworden und hatte am 17. Juli 1599 einen außen an die Kirche angebauten Buchladen und die Gallin-Kapelle als Bücherlager von den Vorstehern der Marienkirche gepachtet(5). Er erschien jedes Jahr beim Werkmeister mit seiner Miete, nach seinem Tode (er wurde am 6. Juni 1635 beigesetzt) brachten die Erben die bis zur Auflösung des Mietverhältnisses (am 25. April 1636) ausstehende Summe. Tunder [d.Ä.] war wenigstens zweimal verheiratet, stand als Vater mehrfach am Grab eigener Kinder und als Pate bei anderen am Taufbecken, war Mitbürge für Lübecker Neubürger  es ist also davon auszugehen, daß er ab 1598 ständig in Lübeck wohnte. Am 5. Oktober 1629 verhandelte er »...wegen eines steins und begrebniße der Kirche gehorende belegen auf dem kirchoue sudenwerts kegen der Cantzelye fur seinen buchladen...« mit den Vorstehern der Marienkirche »...fur sich seine Erben und nachkommen Erblich ohne iemands einrede zu besitzen und zu gebrauchen«(6). Da man sich offenbar einig war, wurde der Werkmeister von den Vorstehern beauftragt, den Verkauf (am 12. Dezember 1629) zu protokollieren, das Kaufgeld vom Buchhändler Tunder [d.Ä.] einzuziehen und zu quittieren.
Dem Organisten Franz Tunder [d.J.] wurde 1652 endgültig auch das Werkmeisteramt der Marienkirche übertragen, das er seit 1647 kommissarisch verwaltete, so daß uns seine Handschrift vertraut ist. Von seiner Hand stammt nun eine am 28. August 1665 datierte, bisher übersehene oder dort nicht gesuchte Ergänzung zum Protokoll des Grabkaufes durch den Buchhändler Franz Tunder [d.Ä.]: »Zu dieser unsers sehl: Vaters Frantz Tunders begrebnuß gehöret niemand als meiner Schwester Margreta Looffs(7) und derer Kinder, [...], und dan ich Frantz Tunder Organ: u. Werkm: dieser Kirch u. meiner Kinder...«. Dieses direkte Zeugnis über Tunders [d.J.] Herkunft erlaubt ohne Zweifel den Schluß, daß er in Lübeck und nicht auf Fehmarn geboren wurde und aufwuchs.
Franz Tunder [d.J.] wurde am 14. November 1667 nicht in dem vom Vater übernommenen Erbbegräbnis beigesetzt, sondern auf Wunsch der Vorsteher im nördlichen Chorumgang der Marienkirche.

Anmerkungen

1. Zusammenfassung etwa bei Geck, Martin: Franz Tunder. In: Blume, Friedrich (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart : Allgemeine Enzyklopädie der Musik. Bd. 13. Nachdr. Kassel : Bärenreiter, 1989, Sp. 975-979 ; in den Lübeckischen Blättern hatte 1933 Johann Hennings unter dem Titel »Tunderiana« über den Organisten Franz Tunder berichtet (Bd. 75, S. 826-830).
2. Gudewill, Kurt: Franz Tunder und die nordelbische Musikkultur seiner Zeit. Lübeck, 1967, S. 4 (Veröffentlichungen der Kultusverwaltung der Hansestadt Lübeck; 1).
3. Siehe Anmerkung 2, dort S. 4 und 10.
4. Stahl, Wilhelm: Franz Tunder und Dietrich Buxtehude. In: Zeitschrift des Vereins für Lübeckische Geschichte 20 (1920), S. 1-84 ; Zitat auf S. 4 ; eine überarbeitete Fassung seines Artikels erschien 1926 in Leipzig.
5. Archiv der Hansestadt Lübeck (AHL): Rente-Buch der Marienkirche [1581-1647], fol. 135-135 b und 336-366 b ; eine weitere Bude mietete er ab 5. Oktober 1629, die er ab 1632 seinem Schwiegersohn überließ, dem Buchhändler und Verleger Heinrich Schernwebel [fol. 139 b].
6. AHL: Altes Stein-Buch der Marienkirche [1597-1636], S. 201.
7. Tunders Schwester Margareta hatte am 2. September 1622 den Küster von St. Aegidien und Klausurenmacher [Hersteller von Schließen für Bucheinbände] Valentin Lo[o]ff geheiratet [Wette Jahrbuch 1622 ; Marien Cop. Buch 1622, S. 259], bei dessen Einbürgerung am 25. Januar 1621 der Buchhändler Franz Tunder [d.Ä.] als Mitbürge eingetragen wurde [Bürgerannahmebuch 1591 ff., S. 614].